Wozu Pegida gut ist

Da treffen sich zwischen 10.000 und 20.000 Menschen montäglich in Dresden zu einer Demonstration, und die deutsche Öffentlichkeit gerät in Aufruhr. 

Für oder gegen was die Demonstranten eintreten, weiß man eigentlich nicht so genau. Zwar lässt die Abkürzung „Pegida“ auf eine Anti-Islam-Positionierung schließen, großen Zulauf scheint der Umzug aber vor allem deswegen zu erhalten, weil er hauptsächlich eine generelle Unzufriedenheit mit der Politik und den Medien artikuliert. Das Thema „Islamisierung“ ist dabei nur eins unter vielen. Die Menschen, die sich dort einfinden, wenden sich insgesamt gegen die von Politik und Medien gesetzten, faktisch oder moralisch alternativlosen Vorgaben und fühlen sich mit deren negativen Folgen allein gelassen. Aber: Es sind weniger, als sich an einem Wochenende in nur einem Bundesligastadion einfinden.Warum also die Aufregung?

Die Politik hat sich in Deutschland mehr und mehr zu einer alternativlosen sozialdemokratischen Einheitspartei zusammengefunden. Staatstragende Medien umkreisen diesen wie Hirtehunde, eifrig darauf bedacht, Meinungsausreißer schnell wieder in die Herde zurückzutreiben und schwarze Schafe auszusondern. Opposition dagegen findet spätestens seit dem erfolgreichen Hinausmobben der FDP aus dem Bundestag nicht mehr statt – Kritik am großkoalitionären Etatismus zielt dort jetzt immer nur auf ein „noch mehr“ ab. Aufkeimender Protest von rechts wird mit rituellen Nazi-Beschwörungen und inflationär aufgblasenen „-ismus“-Begriffen gebannt. Es scheint so, als habe dieses Land mit diesem ebenso kuscheligen wie bevormundenden Dauerkonsens endlich zu sich selbst gefunden. Die große Volksgemeinschaft ist Wirklichkeit geworden, und das schönste an ihr ist: Jeder darf Mitglied werden. Für etwaig auftretende Probleme stehen wahlweise der Kapitalismus im allgemeinen oder Amerikaner und die ominöse „Ostküste“ bzw. das „Finanzkapital“ im speziellen als jederzeit greifbare Verursacher zur Verfügung. Die linke Welterklärung, wonach es zwischen Menschen nur Klassenunterschiede gebe, ist allgemein akzeptierte Doktrin geworden.

Man sollte sich allerdings nicht dem Irrtum hingeben, alle hier lebenden Menschen hätten das komplett verinnerlicht. Im Gegenteil: In privaten Gesprächen ist immer wieder und vor allem auch immer mehr Unverständnis darüber zu vernehmen, wohin uns die Elite dieses Landes steuert. Aber ob es nun an Trägheit und Feigheit der Bürger liegt oder an den erfolgreichen Erziehungsmaßnahmen der Medien: Politisch ist dieser „innere Protest“ nie so richtig geworden. Man wählt eben trotzdem weiter „Mutti“ oder eine der anderen sozialdemokratischen Spielarten, so wie man auch seine Bank und seinen Stromanbieter nicht wechselt, selbst wenn es genug Gründe dafür gäbe. Nur die Menschen im Osten der Republik, die sind in diesem Trott noch nicht so richtig heimisch geworden. Für die ist Demokratie noch neu, weniger abgenutzt. Die nehmen das alles noch richtig ernst und wagen eine andere Meinung als die staatlich vorgegebene, gerade eben weil sie der Meinung sind, das jetzt tun zu dürfen. Dürfen sie ja auch. Im Gegensatz zu früher werden sie dafür nicht eingesperrt und individuell drangsaliert (jedenfalls nicht, so lange sie nicht offiziell einer der de facto verbotenen Parteien angehören), sondern etwas milder gemaßregelt: von den offiziellen Organen beschimpft und ab und an mal mit einem diskursfreudigen Antifa-Mob konfrontiert. Die Medien nehmen ihre Aufgabe wahr und „dokumentieren“ den Protest als wahlweise aus gefährlichen Demagogen oder tumben Dumpfbacken zusammengesetzt. Dass sie dabei auf genau die Strohmänner treffen, die sie vorsorglich schon mal selbst errichtet haben, ist mitunter auch kein Zufall. Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Zentralrat der Juden und vielleicht auch noch die Bäckerinnung überbieten sich gegenseitig mit Warnungen, und die ganze Republik ist wieder einmal dabei, Hitlers Machtergreifung prophylaktisch zu verhindern. 

Also: Wozu dieser Aufwand wegen der paar Leute in Dresden? Weil unsere Politik- und Medienelite Angst hat, Pegida & Co. könnten den „inneren Protest“ auch bei den bislang eher stillen Westdeutschen zu einem lauten machen. Weil sie Angst hat, der Protest könnte sich jetzt, wo mit der AfD eine Partei zur Verfügung steht, die ihn aufzufangen in der Lage ist, weil sie zwar rechts vom Dauerkonsens steht, es bisher aber noch nicht gelungen ist, sie endgültig in die Nazi-Ecke zu schieben. Die Angst, von der jetzt so viel die Rede ist, ist daher weniger in Dresden als vielmehr in Berlin, Hamburg und München anzutreffen. Dass die westlichen Pegida-Ableger von bekannten Neonazis organisiert werden, so lange der „innere“ noch nicht zum „äußeren Protest“ wurde, erscheint durchaus folgerichtig, spielt den uns Regierenden aber ebenso in die Karten, weil es den Widerstand gegen die herrschende Politik damit auch delegitimiert.

Muss man Pegida & Co. also jetzt unterstützen? Soll man mitdemonstrieren? Oder „mitmarschieren“, wie es ja offiziös heißt (denn es herrscht nur Demonstrationsfreiheit, nicht aber Marschfreiheit!)? Nun, der „Kleber-Test“ führt tatsächlich nicht immer zum richtigen Ergebnis. Nicht nur einzelgängerischen Werwohlfen, auch Anderen dürfte es fremd sein, mit einer Masse mitzulaufen, die so „mit der Gesamtsituation unzufrieden“ ist und sich durch platte Parolen Luft macht. Dass die Organisatoren meistens dubiose Gestalten sind, hilft auch nicht. Auch ist die Gefahr groß, dass diese Proteste irgendwann in Gewalt umschlagen, und dann auch noch ausgerechnet gegen Menschen, die vor üblen Lagen in ihren Ländern in Deutschland Zuflucht suchen. Allerdings, und das sei allen ins Stammbuch geschrieben, die Pegida-Demonstranten als „Mob“ bezeichnen: Gewalt ist da bislang höchstens von Gegendemonstranten ausgegangen. So lange der Protest friedlich bleibt, ist er positiver zu bewerten als jede von angeblichen Kämpfern für das Gute angezettelte Straßenschlacht und Plünderung, wie sie mittlerweile von diesem Staat nur noch begrenzt, aber nicht mehr verhindert wird.

Aber mit diesem Dauerkonsens, in dem man zwar natürlich andere Parteien wählen kann, damit aber in der Regel nur die Köpfe austauscht, und in dem Gegenmeinungen nicht mehr diskutiert, sondern nur noch verurteilt und ihre Vertreter ausgegrenzt werden, gefährden Politik und Medien dieses Staates letztendlich die Demokratie selbst und damit den Ast, auf dem sie sitzen. Pegida muss nicht recht haben, um als Symptom für eine verkrustete Republik herhalten zu können, in der nur noch Dogmen verkündet, predigend ausgelegt und mit institutionellem Zwang verteidigt werden. 

Verknöcherung geht offensichtlich auch ganz gut ohne Zölibat, aber mit Frauenquote.

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One Comment on “Wozu Pegida gut ist”

  1. alphachamber sagt:

    Exzellente Analyse. Der beste Eintrag bis jetzt zu diesem Thema.


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