Das Ende von „Wetten dass“ – ein Sieg der Freiheit?

Wie müde ich doch diese abgedroschenen Phrasen der Kapitalismus- und/oder Gesellschaftskritiker bin. Nehmen wir nur ein harmloses Beispiel. Nehmen wir die Abgesänge auf „Wetten dass“. Einig sind sich alle in der Diagnose, dass diese Sendung nicht mehr die Aufgabe des gesellschaftlichen „Lagerfeuer“ erfüllt, wonach sich alle dort versammeln und später darüber berichten. Diese „Lagerfeuer“ sind tatsächlich tot, und sie werden auch nicht wiederkommen. Warum? Weil sie nur aus der Not geboren waren. Seit es Möglichkeiten gibt, Medien anders zu nutzen, werden sie auch wahrgenommen, insbesondere natürlich von den Trendsettern per se, der Jugend. Mögen sich die Ollen auch weiterhin am Feuer niederlassen, die Jungen werden nicht dazu kommen. Die entfachen ihre Feuer an immer wieder unterschiedlichen Orten, und das Ganze passiert extrem flexibel und auch reichlich unvorhersehbar (beides Greuel für die Politik). Jugend grenzt sich ab, und was bleibt ihr heutzutage, wo die meisten Erwachsenen versuchen, sich weiter als Jugendliche zu gerieren, noch anderes übrig, als sich dahin zu flüchten, wozu die Ollen mangels Expertise keinen Zugang finden? Aber auch sonst bietet das Netz natürlich Möglichkeiten, die man sich früher auch als normaler Fernsehzuschauer gewünscht hätte, die damals aber noch unerfüllbar bleiben mussten. 

So sind sie eben, die modernen Medien-Zeiten. Gemeinschaften werden neu gemischt. Sie überschreiten Sprachen und Grenzen, und sie leben von der weitgehenden Unmöglichkeit der womöglich ernüchternden physischen Begegnung.

Hartes Brot für den deutschen Standard-Journalisten Nr.1. Der sucht sein Heil lieber in den üblichen Erklärungsschablonen.

Zwei Nachrichten der vergangenen Wochen illustrieren das beispielhaft. Von den 39,9 Millionen Haushalten in Deutschland sind schon etwa 41 Prozent Ein-Personen-Haushalte: Was will man da mit einer Familiensendung? Als „Wetten, dass..?“ ins Leben gerufen wurde, waren samstags nach 14 Uhr die Geschäfte zu und der „lange Samstag“, der erste Samstag im Monat, dauerte gerade mal bis 18.30 Uhr. Heute will der Einzelhandel, dass Geschäfte rund um die Uhr geöffnet sein dürfen. Und schon an diesem Samstag wird man sich zu spät vor dem Fernseher einfinden, wenn man die Ikea-Öffnungszeiten bis 21 Uhr voll ausschöpft.

Auch FAZke Alfons Kaiser, der hier seine üblichen Verdächtigen präsentiert, dürfte sich Samstag Abend um 20 Uhr 15 in einem beliebigen Geschäft des Einzelhandels sehr einsam vorkommen. Die Freiheit, sein Geschäft so lange wie möglich geöffnet zu halten, ändert so schnell nichts an den von den Kunden präferierten Zeiten. Die alten Verhaltensmuster, wonach ab Samstag Mittag alle Einkäufe möglichst erledigt sein sollten, gelten weiterhin, und es gibt auch eine Reihe gute Gründe dafür (z.B. die Anstoßzeit der Samstagsspiele der Fußball-Bundesliga). Dieser Pappkamerad übersteht nicht den geringsten Windstoß.

Wo ist das Familienleben geblieben? Es wäre wieder Zeit für die alte Gewerkschaftsparole „Samstags gehört Vati mir“. Die Zeitbudgets der Menschen sind durch flexible Arbeit, mobile Internetnutzung, verlängerte Ladenöffnung und intensivere Freizeitbeschäftigungen so fragmentiert, dass eine gemeinsame ruhige Minute am Samstag kaum noch zu haben ist. Die eilige Familie geht am Wochenende Partikularinteressen nach. Ob die Kirchen es im Verein mit den Gewerkschaften wohl schaffen, wenigstens den Sonntag von den Zumutungen konstanten Konsums freizuhalten?

Natürlich ist die „ruhige Minute“ am Samstag noch zu haben. Daran haben auch flexiblere Arbeitszeiten (die sich nur in Ausnahmen auf Samstage auswirken) nicht viel geändert, und die Ladenöffnungszeiten (siehe oben) erst recht nicht. Dass die Mitglieder der Familie „Partikularinteressen“ nachgehen, hat nichts mit „Eile“ zu tun, sondern mit dem Grund, der in den meisten Fällen auch einzige Erklärung ist: Weil sie es können. Es gibt heute Alternativen zu „Wetten dass“ am Samstag Abend, auch wenn man nicht Lust hat, den Hintern aus der Couch zu stemmen. Und man kann diese Alternativen wahrnehmen, ohne den Streit um einen Exklusivzugang, also dem Familenfernseher, führen zu müssen. Man benutzt einfach ein anderes Gerät und geht damit online. Zum Beispiel eins, das man eh immer dabei hat, wie das Smartphone. Das Gejammere über die „Zumutungen konstanten Konsums“ soll teilen, wer nicht begreift, dass auch das Zuschauen bei „Wetten dass“ selbstverständlich Konsum darstellt, auch wenn Leute wie Herr Kaiser das jetzt gerne überhöhen würden. Hier konkurriert nur die eine Form des Konsums mit der anderen, mehr nicht.

Was bei Herrn Kaiser vor allem Unverständnis auslöst:

Und generell: Wer schafft es eigentlich noch, drei Stunden auf dem Sofa stillzusitzen? Schon beim 7:1 der Deutschen gegen Brasilien zur Fußball-Weltmeisterschaft sahen die meisten Zuschauer nicht alle Tore, weil sie anderweitig beschäftigt waren. Die nichtlineare Fernsehnutzung mit dauerndem Zugriff auf jede Sendung führt schon deshalb zur Oberflächlichkeit und Sprunghaftigkeit, weil man ja alles jederzeit noch mal sehen könnte. Am Ende ist das Fernsehleben ein Flickenteppich zeitversetzter personalisierter Vorlieben. Wir amüsieren uns allein zu Tode.

Der letzte Satz ist heute so falsch wie damals, als Herr Postman ihn absonderte. Wo zum Henker ist das Problem? Steht irgendwo auf Moses Gesetzestafeln, dass man ein Fußballspiel, das nun wirklich nicht zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben gehört (sowas steht auf diesem Blog nur in den seltenen Momenten der Selbsterkenntnis…), gefälligst aufmerksam am Bildschirm zu verfolgen habe, und zwar vom Anfang bis zum Ende, selbst wenn der Sieger nach wenigen Minuten feststeht? Ja, die Leute schauen heute einfach nur, wozu sie Lust haben, und das kann sich innerhalb einer Sendezeit durchaus ändern. Für Herrn Kaiser scheint das tragisch zu sein. Andere empfinden das als einen Zugewinn von Freiheit. Und meines Wissens nach ist tatsächlich noch keiner daran gestorben.

Es mag ja Kollektivisten erschüttern, dass der einzelne Mensch dem ihm vorgeschriebenen Kollektiv in den Allerwertesten tritt, sobald er die Gelegenheit dazu hat. Aber erstens bedeutet das nicht Vereinzelung, denn auch das Netz hat seine Gemeinschaften, und zweitens ist es, zumindest aus Sicht eines Menschen, der die individuelle Freiheit liebt, unredlich, Alternativlosigkeit als Segen zu feiern. Lassen wir die Leute doch selbst wählen, was sie wollen, statt es ihnen vorzuschreiben. Ist dieser Gedanke heutzutage tatsächlich so exotisch?

Wenn hier an etwas Kritik zu äußern wäre, dann an der Entscheidung des ZDF, die Sendung einzustellen. Denn offensichtlich hatte sie weiterhin ihr Publikum, wenn auch natürlich ein deutlich geringeres als früher. Ob eine Nachfolgesendung Vergleichbares schaffen würde, ist völlig offen. Und warum sich ein durch Zwangsabgaben finanzierender Sender zum Sklaven hoher Quoten machen soll, auch.

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