*gidas, Deutsch und die Meinungselite

Zuerst wunderte sich die Meinungselite nur – dann nahm sie Schlachtordnung ein: Zuerst in Dresden wuchs eine kleine, von einer Randgruppe organisierte Demonstration zu einem Großereignis, an dem Tausende Menschen teilnahmen. Und zwar nicht die, die das dürfen, also vom Einsatz für das Gute durchdrungene Linke mit branchenüblich viel Zeit, sondern die anderen, für die das Demonstrationsrecht nicht gedacht war: Konservative Wutbürger und Rechte. Natürlich ist es einfach, sich als Vertreter der vor allem westdeutschen Meinungselite über diese Leute lustig zu machen oder sie auch – je nach Bedarf, Lust und Laune – wie gewohnt als Parias auszugrenzen, und natürlich wird das auch gemacht. In einer stillen Minute dürften die entsprechenden Politiksprachmaschinen den Veranstaltern und den Leuten, die ihnen folgen, sogar dankbar sein: Schließlich braucht es, um das eigene Licht hell und souverän leuchten zu lassen, immer auch das Dunkle, von dem es sich abhebt. Die Sprachschablonen dafür liegen bereit: „modern“, „weltoffen“ und „tolerant“ hier, „rückständig“, „rassistisch“ und „gefährlich“ dort.

Und seitdem die Politik und ihr akademischer und journalistischer Tross sich vor allem als Erziehungsberechtigte des Volkes verstehen, ruft eine solche Abweichung natürlich immer Erziehungsmaßnahmen auf den Plan. Wir dürfen also in den nächsten Tagen auf allen Kanälen und Zeitungsseiten mit einer Propaganda rechnen, die uns einhämmern soll, wie großartig es ist, dass so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen bzw. dass es gar nicht so viele sind (wer das alles hören will, stört sich nicht am Widerspruch darin), dass Deutschland von Einwanderern profitiert und dass die ganzen Islamisten nichts mit dem Islam zu tun haben, der schließlich zu Deutschland gehört.

Es ist ein Spiel, an dem nur teilnehmen darf, wer nicht genau hinschauen will oder von Differenzierung so gar nichts hält. Denn natürlich ist es z.B. Unfug, dass die „Islamisierung“ eines Abendlands droht, das es so inzwischen auch längst nicht mehr gibt, ob man dies nun gut findet oder nicht. Und natürlich wird Deutschland nicht gerade von Flüchtlingen „überschwemmt“. Aber ebenso ist es falsch, die mit der Ausbreitung des Islam verbundenen Probleme zu leugnen bzw. um alles in der Welt nicht mit dem Islam selbst in Verbindung bringen zu wollen, ja, sogar so weit zu gehen, diese Religion dann pauschal zum notwendigen Bestandteil dieses Landes zu erklären. Und ebenso handelt fahrlässig, wer nach dem Motto „Augen zu und durch, es ist für eine gute Sache!“ die Schwierigkeiten kleinreden will, die notwendigerweise entstehen, wenn Menschen mit völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergründen plötzlich in unmittelbarer Nähe Zusammenleben gestalten müssen. Oder nicht wahrhaben zu wollen, dass viele nur deswegen Flüchtlinge sind, weil ihre Feinde ihnen zuvorgekommen sind, also nicht nur vom Gedanken der reinen Demokratie und Toleranz durchdrungene Menschen bei uns Zuflucht suchen. Aber dazu müsste man eben differenzieren und vielleicht auch quantifizieren, aber die deutschen Hirne scheinen überfordert zu sein, eine einmal als solche identifizierte Gruppe in diverse, noch dazu sehr heterogene Untergruppen zu unterteilen.

Da geht man lieber anekdotisch vor. Ein Asylbewerber hat eine Frau aus dem Dorf vergewaltigt? Alles Tiere, die man schnell loswerden muss! Ein ehemaliger Asylbewerber hat es in Deutschland zu Ansehen und Wohlstand gebracht? Macht alle Grenzen auf! Tatsächlich findet natürlich beides statt. Und dieser Staat, seine Bürger, haben natürlich das Recht, abzuwägen zwischen dem Mehr an Problemen und dem Mehr an Wohlstand, der durch Einwanderung entsteht. Aber hierzulande wird ja nicht nur nicht differenziert, es wird auch noch zusätzlich verrührt: Kriegsflüchtlinge, anerkannte Asylanten, geduldete Abgelehnte, als Qualifizierte ins Land Geworbene – alles in einen Topf, damit auch jeder die ihm passende Anekdote finde, die dann pars pro toto zu gelten hat.

Es ist für unsere Meinungselite also ím Grunde schon peinlich genug, wenn sie sich argumentativ auf demselben Niveau bewegt wie die von ihr Verlachten und Verfemten. Aber irritieren muss auch, dass ansonsten bei jedem kleinsten Problem irgendwo nach gesellschaftlichen Ursachen gefahndet wird, die Demonstranten von rechts aber direkt und ohne Umschweife direkt angegriffen werden, weil die Schuld nur bei denen zu suchen sein kann. Dabei liegt eine ganz andere Erklärung sehr nahe, warum sich da Menschen zusammenfinden, die alle etablierten Parteien und Medien in Bausch und Bogen verdammen und sich aus der Distanz betrachtet in extrem üertriebenen Thesen und Verschwörungstheorien ergehen: In ihrem Erziehungseifer lässt die Meinungselite keine abweichenden Meinungen mehr zu, und das macht verdächtig. Natürlich tut sie das nicht formal. Noch nicht. In den Knast muss man bei uns nur, wenn man auf sehr plumpe Weise den Holocaust leugnet. Aber in anderen Ländern kann man für „Hate Speech“ durchaus ins Kittchen wandern, und was als „Hate Speech“ zu gelten hat, wird gerne auch mal sehr weit ausgelegt im Sinn, dass gegenüber bestimmten Alltagsphänomenen keine negativen Äußerungen mehr erlaubt sein dürfen. Es gibt inzwischen auch Bestrebungen, sowas EU-weit zu verankern. Aber wenn auf jede abweichende Meinung, und sei sie selbst aus Sicht eines Werwohlfs noch so verwirrt, sofort mit einer flexiblen Response aus medialem Dauerfeuer, politischer Empörung und letztlich wohlwollend geduldeter linksextremer Gewalt reagiert wird, dann führt das bei vielen Menschen mehr oder weniger automatisch zu Abwehrreaktionen. Die dann durchaus auch darin münden können, dass man genau die Gegenposition einnimmt. Dass dieser Reflex besonders in den Neuen Bundesländern vorherrscht, scheint historisch sogar erklärlich.

Dabei galt es mal Stärke der Demokratie, viele unterschiedliche Meinungen im argumentativen Wettstreit abzubilden. Diese Phase haben wir überwunden. Inzwischen ist der Sieger aus 70 Jahren Nachkriegszeit, die in verschiedene Parteien aufgespaltene Sozialdemokratie, fest davon überzeugt, dass dieser argumentative Wettstreit beendet ist und sich die einzig zulässigen Positionen eindeutig herauskristallisiert haben. Wer jetzt noch Dissens äußert, kann nur ein schlechter Mensch sein. In dieser Staatsform, der gelenkten matriarchalischen Demokratie, finden die Deutschen wieder zu sich selbst. Der liberale Störenfried konnte erfolgreich entsorgt werden, aber nur der rechte, der im Grunde auch nichts anderes will, nur mit anderem Anstrich, zuckt noch etwas.

Um so abstruser sind die Beschwörungsversuche gegen jede Form solchen Dissenses. Da formulierte die CSU in einem dicken Leitantrag doch glatt einen Satz, wonach Ausländern „angehalten werden sollen“, zu Hause Deutsch zu sprechen. Daraufhin brach erwartungsgemäß ein Shitstorm voller bemüht witziger Stellungnahmen aus („Deutsch! Ausgerechnet die Bayern! Hahaha!“), und die ganz Schlauen stellten fest, dass man die Einhaltung dieser Pflicht, zu der das „Anhalten“ dann schon mutiert war, wohl kaum würde kontrollieren können. Was seinerseits wohl nur jemandem einfallen konnte, der solche Kontrollen in anderen Dingen für eine normale Angelegenheit hält, während die These, dass die Autoren des ominösen Satzes zu keiner Sekunde an eine auf ihre Einhaltung hin zu kontrollierende Pflicht gedacht hatten, vermutlich so steil gar nicht ist. Überhaupt konnte man angesichts der Erleichterung, die in den Medien nach dem Versprechen einer Umformulierung zu spüren war, glatt annehmen, es sei nicht um einen Satz in einem voluminösen Leitantrag gegangen, sondern um eine Gesetzesvorlage des bayerischen Kabinetts. Kurzum: Wieder haben die Kämpfer für das Gute, Wahre und Schöne einen Umsturzversuch der Rechten erfolgreich verhindern können. Wären die Sozis doch 1933 genau so mutig gewesen!

Es ist ja okay, wenn die Deutschen solche Aufführungen mehrheitlich goutieren. Aber findet sich wirklich kein besserer Regisseur?

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