Danke, Thomas Schmid

Die Beschreibung Helmut Kohls von Thomas Schmid ist ebenso luzid wie grandios. Das ist wirklicher Qualitätsjournalismus, für den man auch gerne zahlen würde.

Allerdings: Auch und gerade dieses Stück hervorragender Journalismus hat Kritik verdient. 

Es fängt gleich an. 

Schmid zitiert Kissinger mit der Bemerkung, ein Staatsmann müsse „am äußersten Rand des Möglichen agieren, er muss die Kluft überbrücken, die zwischen den Erfahrungen seiner Gesellschaft und ihren Hoffnungen, ihren Sehnsüchten klafft“. Und er konstatiert, Kohl sei dies in zwei Fällen gelungen:

Als er die deutsche Einheit genau im richtigen Moment entschlossen bewerkstelligte, und als er den Euro – möglicherweise nicht im richtigen Moment – durchsetzte. Beides hat ihn zu einer politischen Ausnahmegestalt gemacht.

Im ersteren Fall liegt er nach wöhlfischem Ermessen richtig. Im letzteren allerdings nicht. Jedenfalls nicht, wenn man „richtiger Moment“ nicht unglaublich weit interpretiert. Wir können davon ausgehen, dass Kohl trotz seiner wohl belegten ökonomischen Ignoranz, die er übrigens mit fast allen Kanzlern teilt (Schmidt und Erhard als Ausnahmen), sehr wohl begriffen hat, dass die Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung schnell zu einer quasi-staatlichen Einheit führen muss. Davon ausgehend, dass es sich hier um eins seiner Ideale handelt, war sein Handeln folgerichtig. Aber genau das ist die Trennlinie: Die Einheit Deutschlands war seit dem Ende des Krieges kein ideologisches Projekt, sondern zunächst zwangsläufige Folge der Freiheit der unter sowjetischer Besatzung lebenden Deutschen und dann notwendige Voraussetzung dafür, diese Freiheit auch zu bewahren. Diesen Zusammenhang hat Kohl nicht nur im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen glasklar erkannt, sondern auch mit großem politischen Geschick in zielführende Maßnahmen umzusetzen gewusst. Auch im Nachhinein fällt dem Wohlf kein Politiker ein, der es so wie Kohl hätte hinbekommen können. Einen geistigen Verwandten fand er in dieser Lage zwar bei Willy Brandt, aber ob der die gemeinsamen Ideen auch so umsetzen hätte können wie Kohl, muss man nicht nur aufgrund Wehnerschen Urteils stark bezweifeln.

Aber so stark Kohl darin war, die richtigen Konsequenzen aus Geschichte und Gegenwart zu ziehen, so sehr überschätzte er den aus dieser Sicht nötigen Zug zur europäischen Einheit. Denn dieser war und ist ein vor allem deutscher Traum – andere Europäer empfinden trotz allen pan-europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls keinen vergleichbaren Impetus, die eigene Nation zu „überwinden“. Und solange es keine europäische Nation gibt, in der ein sizilianischer Bauer ein auf Solidarität beruhendes Zusammengehörigkeitsgefühl mit einem dänischen oder finnischen Internet-Unternehmer empfindet, so lange ist auch eine gemeinsame Währung nicht nur fehl am Platz, sondern auch ungemein schädlich. Wie aktuell zu besichtigen.

So wie die deutsche Einheit ohne Helmut Kohl nicht möglich gewesen wäre, so übel wirkt sich derzeit sein europäisches Ideal aus. Wie beides miteinander zusammenhängt, darüber gibt es sich widersprechende Aussagen unterschiedlicher Quellen.

Thomas Schmid lobt auch Kohls Verständnis für die „Menschen draußen im Land“. Sicher ist das eine notwendige Eigenschaft, um weiter gewählt zu werden. Aber es ist keine hinreichende. Politik kann sich in einem System wie dem unseren nicht darin erschöpfen, den Status Quo der Wähler nur abzubilden, sie muss auch neue Richtungen und Wege aufzeigen. Kurzum: Sie muss eine Idee haben, Außer dem europäischen Gedanken hatte Kohl aber anscheinend keine. Oder zumindest keine, die er kommuniziert hätte. Gerade deswegen erschien der Anspruch der „geistig-moralischen Wende“ als lächerich – er wurde nie ausformuliert. In Kohls besten Jahren schaffte das immerhin die Band „Geier Sturzflug“ mit ihrem Lied „Bruttosozialprodukt„, aber das war ausgerechnet auch noch ironisch gemeint. Mehr und vor allem von den Verantwortlichen kam dann allerdings nicht. 

Und auch das gehört dann zu Kohl: Er war definitv der falsche Mann, die vollzogene Wiedervereinigung auch zu managen. Aber, auch das gehört zu seiner Entlastung: Wer vom verfügbaren Personal hätte es besser hinbekommen?

Fazit: Thomas Schmids Artikel bleibt ein grandioses Stück Journalismus. Nur ein, zwei Aspekte kommen in ihm zu kurz. 

Advertisements


Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s