Big T und die Gerechtigkeit

Die Geschichte des Warenhauskonzerns Karstadt der letzten Jahrzehnte ist eine Tragödie. Ein durchaus auf nachvollziehbare Gründe zurückführbarer Niedergang wurde und wird beschleunigt durch Machenschaften von Immobilienhaien und reichen Investoren, die von deren Beute mit profitieren wollen. Das Ganze findet statt auf dem Rücken der Beschäftigten und auch der Kunden, die alle neuen „Maßnahmen“ im täglichen Leben ertragen müssen. 

Ein solches Stück voller Schurken und wehrloser Opfer schreit nach dem Rächer der Enterbten, den Beschützer von Witwen und Waisen, auf dass er mit gewaltigem Knall die Bühne betrete und den Oberübeltäter zur Rechenschaft ziehe. 

In Essen wurde dieser Ruf jetzt erhört – und der Held trug ausnahmsweise kein Cape, sondern eine schwarze Robe. Dem Manager Thomas Middelhoff brummte ein Gericht nicht nur drei Jahre Knast wegen Untreue auf, sondern ließ ihn gleich auch noch an Ort und Stelle festnehmen. Es handelt sich hier um denselben Herrn Middelhoff, der vor kurzem spektakulär vor seinen Gläubigern floh (er war nämlich selbst einer der o.g. Investoren und zog gegen den Hai den Kürzeren) und auch eine Taschenpfändung über sich ergehen lassen musste. Und um denselben Herrn Middelhoff, dessen Verhalten, und hierzu zählt nicht nur das jetzt mit Strafe bedachte, ihn vor allen einigermaßen normal denkenden Menschen zum maximalen Unsympathen machen musste. Großkotzig, selbstgerecht, geldgierig, empathielos – so jemand gewinnt jedenfalls keinen Bambi. Aber er ist auch das perfekte Opfer, wenn die Meute nach einem solchen lechzt.

Der von allen Anständigen als Retter gefeierte Herr Berggruen indes brachte seine Schäfchen relativ unauffällig ins Trockene. Ohne letzlich einen Cent eigene Investitionen saugte er aus dem schäbigen Rest der Warenhäuser nochmal raus, was zu holen war und überließ die lebende Leiche einem weiteren Immobilienhai, der sich wie üblich erstmal mit Verzichtsappellen an die Belegschaft einführte. So geht Business heute. Middelhoff taugt dagegen nicht als Schurke, sondern als Oberloser. In allen Augen restlos erledigt, pleite und in Haft – so sehen keine Sieger aus und auch keine cleveren Schurken. Vermutlich schlürft Herr Berggruen auf „Big T“s Wohl heute noch ein Gläschen Schampus in einer der Suiten, die er statt eines festen Sitzes zu bewohnen pflegt. 

„Untreue“ lautet die angebliche Straftat, aber wir alle wissen,warum Herr Middelhoff wirklich in den Bau soll: Weil es Karstadt mies geht und er ein großspuriges Arschloch ist. Andere Gründe halten nämlich kaum stand. Ja gut, mag er sich an der Unternehmenskasse auch zu seinen Privatvergnügen bedient haben. Aber dazu gehört immer auch ein Unternehmen, das ihn lässt. Karstadt gehörte Herrn Middelhoff nicht. Die angeblich so gemein geschädigten Aktionäre haben, wenn sie sich noch daran erinnern, mal einen Aufsichtsrat gewählt. Wichtigste Aufgabe des Aufsichtsrats, deswegen heißt die Runde übrigens auch so und deswegen kassieren ihre Mitglieder nicht unerhebliche Zuwendungen aus eben demselben Unternehmen, ist die Kontrolle des Vorstands. Hat er diese Rolle etwa nicht wahrgenommen? Wo ist die entsprechende Klage? Oder wurde Middelhoffs Selbstbedienungsmentalität etwa stillschweigend geduldet, so als eine Art steuerfreier Lohnbestandteil? Middelhoff wurde auch Steuerhinterziehung zur Last gelegt – hat der Aufischtsrat vielleicht Beihilfe geleistet oder ihn zu diesem Verhalten sogar angeregt? All diese Fragen werden öffentlich nicht gestellt, obwohl wir hier eindeutig einen eklatanten Fall von Organisationsversagen vor uns haben. 

Und deswegen ist auch die wöhlfische Diagnose klar: Middelhoff ist der perfekte Sündenbock. Keiner hat Mitleid mit ihm, der Blutdurst der Meute ist befriedigt und die wirklichen Absahner kommen ungeschoren davon. Sowas nennt man Win-Win mit einem letztlich dann wohl doch geborenen Verlierer. Dumm gelaufen, Big T.

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